Do 8. Sep 2005, 19:57
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Am nächsten Morgen wurde Peter durch ein lautes Klopfen an die Zimmertür geweckt. Vom offenen Fenster her, konnte er die vergnügten Schreie der Kinder hören, die sich im Schwimmbad des kleinen Hotels, das zum Fuße der Serra da Monchique gelegen war, tummelten. Noch schlaftrunken, richtete er sich in seinem Bett auf.
"Ja. Wer ist denn da?"
"Ich bin es, Susanne. Wir müssen los. Aber wenn du heute keine Lust hast, dann kannst du mir auch die Autoschlüssel geben und ich fahre alleine."
"Nach der Nummer, die du gestern abgezogen hast, da sollte ich eigentlich überhaupt nicht mehr mit dir reden. Ich habe 5 Stunden, bei 40° Grad im Schatten, auf dich gewartet. Das werde ich dir nicht so schnell vergessen. Und ich glaube, dass du keine Vorstellung davon hast, wie Dunkel es hier werden kann, wenn man nachts durch die portugiesische Pampa latschen muss und keine Ahnung hat, in welche Richtung man gehen soll."
"Ich finde, du siehst das alles zu negativ. Ich wollte ja mit dem blöden Benzin zurückkommen, doch dann hat meine Agentur hier im Hotel angerufen und ich musste alle möglichen Dinge abklären. Ein paar wichtige Telefonate führen und so weiter. Schließlich habe ich ja, im Gegensatz zu dir, noch ein Geschäft zu leiten. Und als ich dann mit meinen Telefonaten fertig war, da war es schon fast dunkel und ich dachte, dass du schon irgendwie klarkommen würdest. In deinen Büchern fällt dir ja auch immer was ein, wenn deine Helden in der Klemme stecken."
"Sehr witzig. Ich weiß ja, dass du meine Bücherschreiberei als Zeitverschwendung ansiehst, aber deine Agentur kann man ja auch wohl kaum als Geschäft bezeichnen, bei den zwei Kunden, die du hast."
"Also, was ist jetzt? Kommst du nun oder muss ich Paulo fragen, ob er mich in die Berge fährt?"
"Von mir aus kann dich dein Paulo nach China fahren. Erst mal werde ich jetzt zum Frühstück gehen."
Sie befuhren schon einige Zeit eine schmale Landstraße, die sich in leichten Serpentinen bergauf schlängelte. Peter war froh, dass ihr Mietwagen eine Klimaanlage hatte, denn er konnte auf der Anzeige des Außenthermometers erkennen, dass die Temperatur wieder auf die 40° Grad zuging. Susanne saß mit einer Modeillustrierte in der Hand, lesend, neben ihm. Sie hatte seit der Abfahrt vom Hotel kein Wort mehr mit ihm gesprochen. Ihm war das nur recht. Ihr ständiges Gemecker und ihre Besserwisserei konnten einem schon den letzten Nerv rauben. Vielleicht hatte sie ja auch ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn gestern hängen gelassen hatte. Aber wenn er es sich genau überlegte, da war es doch wohl eher unwahrscheinlich, dass sie zu so etwas wie Reue fähig war. Das war sicher bloß wieder Taktik von ihr. Sie wusste, dass sie ihm mit der Benzingeschichte ziemlich zugesetzt hatte und wollte den Bogen wohl nicht gleich wieder überspannen. Denn egal wie oft sie auch betonte, dass sie gut ohne ihn auskäme, in Wahrheit brauchte sie ihn, wenn sie das Weingut verkaufen wollte.
Zu gleichen Teilen sollte das Erbe zwischen ihr und ihm aufgeteilt werden, so hatte es bei der Testamentseröffnung geheißen. Das musste vielleicht ein Schock für sie gewesen sein. Schließlich dachte sie, dass der alte Mann ihr vollkommen verfallen gewesen wäre und sie die Einzige sein würde, die von seinem Tod profitieren könnte.
Doch dann kam eine Überraschung nach der anderen. Das Geld auf dem Schweizer Bankkonto war aufgebraucht, die Mietshäuser in der Münchner Innenstadt waren schon lange verkauft worden und die Villa am See, in der sie bis zu Richards Tod mit diesem zusammengelebt hatte, war mit einer so hohen Hypothek belastet, dass das Gebäude eigentlich schon der Bank gehörte. Nur das alte Weingut in Portugal, das Richard vor einigen Jahren erworben hatte, es aber dann nie wieder besuchen wollte, weil er angeblich das Klima nicht vertrug, war übrig geblieben.
Jetzt musste Peter lächeln. Sie war auf ihn angewiesen. Nur wenn er zustimmte, dann konnte das Anwesen verkauft und das Geld unter ihnen aufgeteilt werden. Und Geld, das war das Einzige, das Susanne wirklich interessierte. Sie liebte es. Sie lebte es. Es war die Luft, die sie zum Atmen brauchte. Und jetzt hatte sie ausgerechnet ihn am Hals. Einen Künstler, einen Träumer, dem Geld nicht so wichtig war. Ihr hätte gar nichts Schlimmeres passieren können, als dass ihr zukünftiges Schicksal von einem Idealisten wie ihm abhängig war.
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