Fr 12. Aug 2005, 18:20
Ich war die letzten Tage ganz furchtbar schrecklich krank, so dass ich ausser der körperlichen Belästigung durch mein Fieberthermometer und riesigen, nicht für Menschenschlünde gemachten Tabletten gar nichts erlebt habe. So muss ich ein paar Tage zurückgreifen und tatsächlich gab es ja Ende Juli bei uns im Örtchen eine Festivität, über die zu berichten sich lohnt.
Im Mittelalter war mein Heimatort ein Ackerbürgerstädtchen, in dem Wein an- und Erze abgebaut wurden. Überlieferungen zufolge soll der Wein krachsauer bzw. unter Kennern ausgesprochen trocken gewesen sein. Klar, dass sich so ein Wirtschaftszweig nicht auf die dauer rentabel erhalten lässt. Also zerbrachen sich die Leute den Kopf, was denn anstelle des Weins angebaut werden könnte und sie kamen auf Lavendel. Nun muss man dazusagen, dass zu dieser Zeit sogenannte Buckelapotheker und Olitätenhändler den Thüringer Wald unsicher machten, so dass man sich um potenzielle Abnehmer der violetten Ernte keine Sorgen machen brauchte. Lavendel soll übrigens ganz exquisit bei Schlafstörungen helfen: Ein damit gefülltes Säckchen unters Kissen gelegt und schon hängt man in fliederfarbenen Träumen fest, naja ... Ende des 19. Jahrhunderts kam der Anbau zum Erliegen und wurde vergessen.
Bis zu der Zeit als man in Deutschland in Ermangelung einer echten Königin alles mögliche zu krönen begann: Wurstkönigin, Bierprinzessin, Kartoffelkönig - fast jede Stadt bietet ihren ganzen Liebreiz auf und so auch mein Heimatstädtchen, was seit nunmehr fast 10 Jahren zum alljährlichen Lavendelfest eine gleichnamige Königin der Krönungszeremonie unterzieht. Meine Aufgabe bei diesem Fest war - wie immer - unser historisches Rathaus zu präsentieren und Fotos vom bedeutsamen Ereignis für die Chronik festzuhalten. Allerdings sollte sich letzteres als sehr schwierig erweisen.
Die ersten Ausläufer des oben erwähnten grippalen Virusleidens hatten mich schon erreicht, so dass ich für Blasmusik besonders empfänglich war. Irgendwann habe ich mal über militärische Forschungsprojekte gelesen, den Gegner mittels Schallwellen kampfunfähig zu machen oder sogar zu töten - Blasmusik könnte diese Forschungen ein gewaltiges Stück voranbringen. Ich harrte auf meinem Gefechtsposten aus. Fotografieren ähnelte Formen des Guerillakampfes, denn ich musste mich durch einen Menschendschungel bewegen um dann an der Bühne doch wieder in so sicherer Deckung zu sein, dass ich nichts sah.
Mein Einfallsreichtum war durch Grippe, Blasmusik und Menschenmassen noch nicht völlig außer Betrieb, so dass ich beschloss, einen erhöhten Beobachtungsposten in einem Gebäude unserer Verwaltung zu beziehen. Perfekt! Fast perfekt. Wegen des Festes war geflaggt und die Fahnen befanden sich genau vor dem perfekten Fenster. Allerdings ging Wind, so dass ich mich nur auf das Hin- und Her der Fahnen einspielen musste, um wenigstens halbe Fotos zu bekommen.
(Im Bild unser Bürgermeister mit der Lavendelkönigin 2005/06)